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"Vieles ist heute schon Realität."

Mit der Alpha-Idee haben Sie zuerst Zeitsprung, dann den SWR überzeugt. Wie kamen Sie auf das Thema des Thrillers, bei dem neurologische Pre-Crime-Forschung mit der Frage nach den Folgen von vernetzter Überwachungstechnik verknüpft wird?

Sebastian Büttner: Im Rahmen von Recherchen für ein anderes Projekt habe ich viel über den aktuellen Stand der Hirnforschung gelesen. Darüber, dass Gehirnforscher seit einigen Jahren daran arbeiten, den Code des menschlichen Denkens zu entschlüsseln. Einige dieser Neurowissenschaftler sind der festen Überzeugung, dass der „freie Wille“ des Menschen nur eine Illusion der Aufklärung ist und dass wir z.B. gar nicht selbst entscheiden können, ob wir eine Straftat begehen oder nicht. Sie sind überzeugt, dass unser bestehendes Rechtssystem Verbrechen nicht verhindern kann.

Oliver Hohengarten: Wir waren sofort angefixt aus diesem Thema eine neue Geschichte zu entwickeln. Wir fragten uns: Was, wenn es diese Wissenschaftler eines Tages geschafft haben, wenn sie unser Denken entschlüsseln und uns manipulieren können? Was wäre, wenn diese Erkenntnisse der Gehirnforschung auf einen Überwachungsstaat treffen? Ein echtes Science-Fiction-Szenario – dachten wir.

Sebastian Büttner: Wir haben jedoch schnell gemerkt, dass wir uns gar nicht so sehr in einem SciFi-Szenario bewegen. Vieles ist heute schon Realität. Nehmen Sie zum Beispiel die USA. Dort gibt es seit einigen Jahren ein Programm mit dem Namen „FAST“ – „Future Attribute Screening Technology“. Dieses Programm hat das Ziel, die Gedanken bzw. Absichten der Menschen zu lesen und herauszufinden, ob jemand eine Straftat begehen will oder nicht. Aktuell werden dafür Variablen wie die "Hauttemperatur", der Puls und sogenannte "Mikro-Expressions“ gemessen. Pre-Crime ist also heute schon Realität.

Mit der Etablierung der Serie in der nahen Zukunft haben Sie die Möglichkeit geschaffen, aktuelle Entwicklungen weiterzudenken und zuzuspitzen. Auf welcher Basis haben Sie dieses Gedankenspiel entwickelt?


Oliver Hohengarten: Die Idee, dass ein einzelner Mensch manipuliert wird, dass die Forscher ohne sein Wissen in sein Gehirn einsteigen, ist natürlich eine dramaturgische Zuspitzung. Und vielleicht wird es auch 2017 noch keine Brainscanner wie in unserem Nahe-Zukunft- Szenario geben.

Sebastian Büttner: Doch die Erfahrung zeigt, dass jede Technologie vom Menschen genutzt wird, sobald sie einmal in der Welt ist. Das war mit der Atombombe so - und das wird mit Brainscannern nicht anders sein. Die US-Army finanziert beispielsweise gerade ein Forschungsprogramm, bei dem versucht wird die Gehirne der Soldaten mit Ultraschallwellen zu manipulieren um sie kampftauglicher zu machen. Die Frage ist nur, wie unsere Gesellschaft mit diesen neuen Technologien umgeht. Lassen wir uns von ihnen die Bedingungen diktieren, oder ordnen wir diese Technologien unserem ethischen Empfinden unter?

Oliver Hohengarten: Wir stellen die Frage danach, wie frei wir wirklich leben wollen. Was geschieht, wenn unsere Gesellschaft weiterhin die vermeintliche Sicherheit des Menschen über seine Freiheit stellt? Wo wird das hinführen? Wird es für uns irgendwann normal sein, dass wir uns Pre-Crime-Maßnahmen unterordnen?

Die einzelnen Elemente von „Alpha 0.7 – Der Feind in dir“ sind für sich erzählerisch und thematisch spannend, vielgestaltig und an aktuelle Entwicklungen angeschlossen. Etwas Besonders, und in dieser Ausdehnung wohl für deutsche Medien auch Neues. Was war dabei Ihr Ziel?

Sebastian Büttner: Unser erstes Ziel ist es natürlich immer eine packende Geschichte zu erzählen. Der Inhalt steht für uns über der Form. Aber über die vielfältigen Möglichkeiten, die uns ein transmediales Projekt wie „Alpha 0.7“ bietet, haben wir uns natürlich sehr gefreut. Für „Alpha 0.7“ haben wir zum Beispiel mit Kreativen aus ganz anderen Mediensegmenten zusammengearbeitet: mit Musikern, Designern, Performance-Künstlern, Bloggern. Das war schon ziemlich spannend. Und hat es uns ermöglicht, unsere Geschichte über eine geschlossene TV-Serie hinaus zu bewegen.

Oliver Hohengarten: Stimmt. Es war ein tolles Experiment und ich glaube, dass es in Zukunft ganz normal sein wird, eine Geschichte über verschiedene Medien hinweg, also transmedial, zu erzählen. So wie es heutzutage auch normal ist, Farbe im Film einzusetzen oder Ton oder bald 3-D. Die transmediale Herangehensweise ist eine Ergänzung der gestalterischen Möglichkeiten.

Sebastian Büttner: Und auch, wenn es viel Arbeit war und immer noch ist. Wir würden es jederzeit wieder machen.

Sie haben jeweils sechs Folgen „Alpha 0.7“ für die Fernseh- und die Hörspielserie geschrieben und für das Internet noch weitere Auftritte und Geschichten erfunden. Wie behält man einen so vielgestaltigen Kosmos in seiner erzählerischen Gewalt?

Sebastian Büttner: Die Gefahr den Überblick über seine eigene fiktionale Welt zu verlieren, ist bei einem Mammutprojekt wie „Alpha 0.7“ natürlich sehr groß. Doch wir haben am Anfang des Projekts eine etwa 100-seitige Serienbibel entwickelt, in der wir die wichtigsten Handlungsbögen, Charaktere und die gesamte Backstory unseres Universums festgehalten haben.

Oliver Hohengarten: Außerdem hatten wir mit dem Producer Dominik Frankowski und dem SWR-Redakteur Sebastian Hünerfeld zwei wirklich gute Partner an der Seite, die uns bei allen Herausforderungen immer eng zur Seite standen.

Für Sie als Autoren und Producer von Webkonzepten: War und ist das Projekt vor allem quantitativ etwas Neues oder gibt es grundsätzliche Unterschiede zu Ihrem sonstigen Arbeiten?

Sebastian Büttner: Der Aufwand, der hinter einem Format wie „Alpha 0.7“ steht ist natürlich enorm. Doch im Grunde genommen ist die kreative Arbeit die gleiche. Mehrteilige Erzählungen erfordern immer einen gewissen schöpferischen Mehraufwand – da die Figuren viel weiter ausgestaltet werden können als in einem klassischen Movie. Doch im Grunde genommen ist es egal, ob man ein Hörspiel schreibt, einen Kinofilm oder eine transmediale Serie: Am Endes Tages kommt es immer darauf eine gute Geschichte zu erzählen. Wir hoffen, dass uns dies mit „Alpha 0.7“ gelungen ist. Und wir danken allen, die uns auf unserem Weg dabei kräftig unterstützt haben.