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Deutschland 2017:
Ein Land auf dem falschen Weg?

Sieben Jahre sind kein langer Zeitraum. Es sind bloß 84 Monate oder 2555 Tage. Und doch können sieben Jahre ausreichen, um die Welt grundlegend zu verändern und und unsere Gesellschaft aus den Angeln zu heben. Denn die Menschheitsgeschichte ist keine Einbahnstraße – es ist eine Geschichte schicksalhafter Kreuzungen, an denen wir immer wieder vor der Wahl stehen, in welche Richtung wir weitergehen wollen.

Was wäre, wenn wir eines Tages – ohne es zu merken – auf einen Irrweg abbiegen? Wenn wir uns – angetrieben von unserer (verständlichen) Angst vor terroristischen Anschlägen – eines Tages heillos verlaufen? Wenn wir die Freiheit aus den Augen verlieren und uns Lemmingen gleich auf ein Szenario zu bewegen, in dem die Freiheit des einzelnen Bürgers auf dem verführerischen Altar vermeintlicher Sicherheit geopfert wird?

Alpha 0.7 zeigt die Bundesrepublik im Jahre 2017. Auf den Straßen unseres Szenarios fahren (fast) die gleichen Autos wie auch heutzutage schon, die Menschen sind (fast) genauso angezogen wie wir heute. Auch die Architektur der Häuser und Landschaften hat sich (fast) nicht verändert. Alles sieht auf den ersten Blick genauso aus, wie 2010. Doch wenn man genauer hinschaut, haben sich in unserem Szenario einige elementare Dinge gewandelt: Dinge, die wir uns nicht ausgedacht haben, sondern bloß weiter gedacht – frei nach der These „Wenn eine Technologie einmal in der Welt ist, wird sie auch genutzt.
Und die Welt nachhaltig verändern.“ 

So ist es für die Bürger in unserem fiktiven 2017 völlig selbstverständlich, dass sie an Flughäfen und Hauptbahnhöfen durch Nacktscanner kontrolliert werden. Auch auf den Straßen, den öffentlichen Plätzen, in den Fußgängerzonen und Wohngebieten werden sie beständig überprüft: Nachtsichtfähige Überwachungskameras mit einer angeschlossen Software zur biometrischen Verhaltensanalyse zeichnen jede ihrer Bewegungen auf. 120 geostationäre Satelliten der amerikanischen NSA und der EU füttern das globale Abhörsystem „Echelon“ (seit 2004) beständig mit Daten aus unserem alltäglichen Telefonverkehr – und schlagen Alarm sobald bestimmte „Unworte“ fallen. Genau wie die Überwachungskameras Passanten genauer in den Fokus nehmen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit irgendwie auffällig verhalten.  

Die Proteste gegen diese Überwachungsmaßnahmen sind 2017 – wie schon so oft in der Menschheitsgeschichte – längst verhallt. Die stumme Mehrheit nimmt sie einfach hin, akzeptiert sie. Man führt ja nichts Böses im Schilde. Man hat ja nichts zu verbergen... Außerdem sind sie ja (angeblich) notwendig. Schließlich ist unsere Welt tatsächlich gefährlicher geworden – und unsicherer. Und man will ja gegen die vielen unsichtbaren Terroristen da draußen abgesichert sein, ein ruhiges und beschauliches Leben führen. 


Und weil man sich einmal daran gewöhnt hat, dass man gläserner geworden ist, stört sich 2017 auch niemand mehr daran, weitere Daten von sich preiszugeben. Der Krankenkasse zum Beispiel – oder den Ärzten. 2017 wird jede einfache Sprechstundenhilfe sofort unsere gesamte Krankengeschichte auf dem Bildschirm einsehen können, sobald wir ihr unsere Patientenkarte übergeben. An unseren Computer-Arbeitsplätzen überwacht eine leise im Hintergrund laufende Monitoring-Software, die Effizienz unserer Arbeitstage. Und dank des sogenannten ELENA-Verfahrens (elektronischer Entgeltnachweise) ist auch die Arbeit der Agentur für Arbeit einfacher geworden. Denn ganz gleich, ob Wohngeld, Arbeitslosengeld oder das letzte Gehalt: Auf der ELENA-Chipkarte werden sämtliche Einkommen und staatlichen Leistungen, die ein Arbeitnehmer oder Arbeitssuchender erhält zentral gespeichert. 


2017 wird alles aufgezeichnet. Allerorten werden Daten über uns gesammelt – im Supermarkt über unser Einkaufsverhalten, bei den Banken, in staatlichen Behörden, in den sogenannten Social Communities im Internet. Überall. Und es ist auch kein Geheimnis, dass sogenannte Scoring Agenturen diese Daten fein säuberlich zusammenführen und auswerten. Für wen? Nun, für alle, die laut geltendem Gesetz das Recht haben mehr über uns zu erfahren, Versicherungen zum Beispiel oder Kreditinstitute – und natürlich auch: das Bundeskriminalamt.
Alpha 0.7 zeigt eine gläsern gewordene Gesellschaft, in der die beständige Angst vor neuen terroristischen Anschlägen dazu führt, dass die Freiheit des Einzelnen mehr und mehr der Inneren Sicherheit untergeordnet wird. Eine Welt, die immer noch von den Nachbeben des fürchterlichen terroristischen Anschlags vom 11. September 2001 erschüttert ist – und in der das Trauma der Verwundbarkeit zu einer Vielzahl von politischen Entscheidungen geführt hat, die unsere Bürgerrechte immer weiter beschnitten haben. Natürlich ist Alpha 0.7 nur ein fiktives Szenario, doch seine Wurzeln reichen tief in unsere Gegenwart hinein: Keine Technik wurde neu erfunden, sondern „bloß“ weiter gedacht.  
So schenkt uns der Bonuskarten-Anbieter  bereits heute schon Bonuspunkte, die Krankenversicherungen belohnen uns für unsere Transparenz mit günstigeren Beitragssätzen und der Staat verspricht uns den Schutz vor fürchterlichen Verbrechen. Und erst die vielen Vorteile, die uns das Internet bietet: Es erleichtert uns selbst mit den entferntesten Bekannten Kontakt zu halten oder neue Lieben zu finden. Wir können unserer Meinung in Blogs oder Internetforen freien Lauf lassen, uns der Welt mitteilen – ihr Fotos von uns präsentieren und unsere privaten Erlebnisse oder Vorlieben mit ihr teilen. Ja und ist es – Datensicherheit hin oder her -  nicht auch ein echter Pluspunkt, dass wir mithilfe unseres Navigationssystems problemlos an jedem Ort der Welt ans Ziel gelangen können? 
Doch die „Schöne Neue Welt“ hat auch eine Schattenseite: Was, wenn all die Daten, die wir so bereitwillig von uns preisgeben, in die falschen Hände geraten? Was, wenn sie gegen uns verwendet werden?