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Die Neurowissenschaften:
Wegbereiter der totalen Überwachung

2017 steht unsere fiktive Gesellschaft  erneut an einer schicksalhaften Kreuzung – gebündelt in einem bedeutenden EU-Sicherheitsgipfel in Stuttgart, auf dem die Regierungschefs der Mitgliedsländer weitere Überwachungsmaßnahmen beschließen wollen.

Und diesmal geht es um weitaus mehr, als „nur“ um weitere Nacktscanner, Festplattenuntersuchungen oder Überwachungskameras. Denn mit dem Siegeszug der Neurowissenschaften hat sich – analog zum Ende der Unschuldsvermutung –  mehr und mehr ein neues Menschenbild durchgesetzt, das weit von den einstigen Idealen des Humanismus entfernt ist.

Nach diesem Menschenbild, ist der Wille des Menschen nicht frei, sondern durch die neuronale Struktur seines Gehirns, die Verknüpfung seiner Nervenzellen, vorherbestimmt.


Noch zu Beginn des neuen Jahrtausends wollte sich kaum jemand auf diese Hypothese einlassen. Hartnäckig hielten die Kritiker des biologischen Determinismus an ihrer These fest, dass der Freie Wille existiert, dass der Mensch selbst für seine Taten verantwortlich ist. Doch die Deterministen eroberten den wissenschaftlichen Diskurs. Ihre neurowissenschaftlichen Erkenntnisse sind Wasser auf den Mühlen all jener, die für den weiteren Ausbau der Gefahrenabwehr, für eine Verstärkung der bestehenden Sicherheitsmaßnahmen eintreten. Unter ihnen ist auch Peter Spreemann, einer der wichtigsten Köpfe des BKA. Gemeinsam mit dem führenden Neurologen Harald Rösler und Uwe Gonzoldt, dem Gründer des Sicherheitstechnologie-Konzerns Protecta Society entwickelte er die Vision einer gewaltfreien Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die um 360 Grad überwacht wird, die nicht nur alle Daten und Festplatten der Bürger regelmäßig überwacht– sondern auch ihre Gehirne. 


Bereits heute, 2010, wird jeder Heranwachsende in Deutschland rund einem Dutzend Vorsorgeuntersuchungen unterzogen. Durch diese medizinischen Untersuchungen soll die normale körperliche und geistige Entwicklung gewährleistet werden. Dabei handelt es sich um Untersuchungen, die nicht nur Zähne, Körperhaltung oder Motorik überprüfen, sondern auch eventuelle Störungen im Sexual- oder Sozial-Verhalten. Röslers Plan ist einfach: In einer zusätzlichen Untersuchung sollen die Heranwachsenden in regelmäßigen Abständen auch einem Gehirn-Screening unterzogen werden – um herauszufinden, ob eine Anomalie in ihren Gehirnen vorliegt, die sie zu potenziellen Gewalttätern heranwachsen lässt. Diese potentiellen Gewalttäter will Rösler nicht einfach wegsperren. Er will ihnen helfen den „Wolf in sich“ zu zähmen. Auch ein Schulmediziner ordnet ja bereits frühzeitig eine Klammer bei Fehlstellung der Kiefer an. Vom Prinzip her wollen Rösler, Spreemann und Uwe Gonzoldt das Gleiche: Sie wollen potentielle Straftäter mit Anomalien im Gehirn frühzeitig therapieren. Um die möglichen Gewalttäter vor sich selbst zu schützen – und die Gesellschaft vor ihnen. 


Neben dieser Früherkennung haben Rösler, Spreemann und Gonzoldt ein weiteres Ziel: Nach dem Vorbild des 2009 gestarteten „FAST“-Projekts des amerikanischen "Departments for Homeland Security" planen sie bereits erkrankte, potentielle Gewalttäter aus der Gesellschaft herauszufiltern und zu kontrollieren. Bei jeder Gelegenheit bringt Spreemann ihre Vision bei seinen Vorgesetzten an. Hartnäckig leistet er Überzeugungsarbeit, bis er endlich Gehör findet: Das BKA ist fasziniert von der Arbeit der Amerikaner und dem Gedanken einer gewaltfreien Gesellschaft. Es stellt Gelder für die Forschung und technische Entwicklung für ein geheimes Pre-Crime-Projekt nach dem Vorbild von FAST zur Verfügung: Neben der Überwachung von Körpertemperatur, Stimm- und Atemfrequenz sollen auch Hirnscans Sicherheit geben. Bei Großveranstaltungen, an Grenzübergängen, Flughäfen und Bahnhöfen, und an öffentlichen Plätzen sollen mithilfe der FAST-Technologie potenzielle Straf- und Gewalttäter identifiziert werden, die durch die regelmäßigen Früherkennungs-Kontrollen noch nicht erkannt wurden.